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Citynews

Neue Leipziger Propsteikirche bietet magische Einblicke und schafft vielleicht Energiewunder

Jens Rometsch
Leipzig. „Wir werden viel zu stark mit Vergangenheit und Tradition verbunden“, sagt Gregor Giele, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Trinitatis. Kirche sei aber zuallererst für die Gegenwart und das Bauen an der Zukunft da. Folgerichtig enthält der Entwurf für die neue Propsteikirche gleich mehrere spannende Experimente. Wie ein 22 Meter breites Fenster direkt am Martin-Luther-Ring und den ersten energieautarken Kirchensaal überhaupt.

Das Leipziger Architekturbüro Schulz & Schulz hat jetzt einen Videofilm erstellt. In dem kurzen Streifen (siehe Sequenz oben) wird besonders deutlich, weshalb sich die Jury in dem internationalen Einladungswettbewerb einstimmig für den Entwurf der beiden Architektenbrüder entschieden hat. „Überzeugend ist die Hinführung aus der Stadt in die Kirche hinein“, hieß es in der Begründung der Jury. „Das wird vor allem bewirkt durch die schützende Auskragung des Chores und den Innenhof als verbindendes Glied zwischen Kirche und Gemeindezentrum. Die Schwelle zwischen Stadt und Kirche ist damit niedrig und könnte eine einladende Wirkung auf Passanten haben.“

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Stephan Galle (links) und Jens Rubel bei den Arbeiten auf dem Propstei-Grundstück vorm Neuen Rathaus

Die Bohrungen dienen zur Baugrundhauptuntersuchung.

Stephan Galle (links), Jens Rubel (mitte) und Gerhard Schreiber (rechts) bei den Arbeiten auf dem Gelände.

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Jens Rubel entnimmt Proben für Laboruntersuchungen.

Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück am 27. Juli 2010

Die Bohrungen auf dem Propstei-Grundstück werden vier bis fünf Tage andauern.

   


Tatsächlich nimmt die Kamera in dem Film die Perspektive eines Fußgängers ein, fährt vom Neuen Rathaus aus langsam auf die Kirche zu. An der Front zum Martin-Luther-Ring erscheint eine 22 Meter breite, rechteckige Glasfläche. Durch dieses riesige Fenster können die Leipziger eines Tages in den sakralen Innenraum blicken: die Bänke der Gottesdienstbesucher, den Altar, das Kreuz  und ein mobiles Lesepult betrachten.

„Die neue Propsteikirche soll sich wie selbstverständlich in den Organismus der Stadt einfügen“, erklärt Benedikt Schulz. „Ich kenne sonst keine Kirche, wo sich Passanten mit ihren Kindern einfach so die Nase an der Scheibe platt drücken können. Zumindest keine katholische.“ Zwar verfüge die (evangelisch-lutherische) Erlöserkirche in Thonberg auch über große Glasflächen. Doch dieser, 2006 geweihte Bau ist weit ins Grundstück eingerückt, steht nicht an der Straße. Anders die Propsteikirche. Ihre Besucher werden auf Leipzigs City-Ring hinausschauen können, umgekehrt von einzelnen Autofahrern beobachtet werden, wenn die vor dem Leuschnerplatz auf eine grüne Ampel warten.

FOTOSTRECKEN

Dieses Modell der Leipziger Architekten Schulz & Schulz hat den Wettbewerb für den Neubau der neuen katholischen Kirche St. Trinitatis gewonnen.

Den zweiten Platz belegte das Büro Allmann Sattler Wappner aus München.

Dritter wurden Meck Architekten, ebenfalls aus München.

Die Architekten Ansgar (l) und Benedikt Schulz mit ihrem Modell.

Die neue Kirche soll auf einer Freifläche an der Ecke Peterssteinweg mit Blick auf das Neue Rathaus entstehen.

Blick in den Innenraum der neuen Kirche.

Baulich bilden der Kirchturm und die Kirche selbst die zwei Schwerpunkte auf dem Gelände neben dem Martin-Luther-Ring, erklärte Benedikt Schulz.

Schulz & Schulz haben den größten Kirchenneubau Ostdeutschlands seit dem Mauerfall entworfen.

Baubeginn soll im Sommer 2010 sein.

Auf diesem Grundstück soll der Neubau entstehen.

Der Neubau war notwendig geworden, weil die derzeitige, aus dem Jahr 1980 stammende Propsteikirche in der Emil-Fuchs-Straße schwere Baumängel aufweist.

Ursache dafür sind unter anderem Setzungen unter dem Grundstück. Das Bauwerk wurde als nicht mehr sanierungsfähig eingestuft.

Die Propsteigemeinde besteht seit 1710. Die erste Trinitatiskirche wurde 1943 bei einem Bombenangriff schwer beschädigt.

Die Kirche stand damals einige Meter vom Neubaustandort entfernt in der Rudolphstraße.

   


Natürlich braucht ein sakraler Raum auch oft eine gewisse Abgeschiedenheit. Zum Beispiel bei den Gottesdiensten. „Wir reden jetzt darüber, ob die Glasfläche wandelbar sein muss. Doch nicht durch banale Vorhänge“, ergänzt Ansgar Schulz. „Hermetische Offenheit“ nennen die Architekten diesen schwierig auszubalancierenden Spagat. Für die Gestaltung des Fensters will die Gemeinde extra einen künstlerischen Wettbewerb mit internationaler Beteiligung ausloben. Auch Medienkunst könnte dabei zum Zuge kommen. Zudem soll es noch einen Wettbewerb für die liturgischen Gegenstände geben. Und eventuell für das neun Meter hohe Kreuz an der Wand hinter dem Altar. Ein Kreuz in denselben Abmessungen wird sich übrigens an der Rückseite des Kirchensaales wiederfinden – dort jedoch als Glasfenster, wie herausgestanzt, durch das Tageslicht in den Innenraum scheint. „Das Licht kommt vom Kreuz.“ Eine Idee, die auch Pfarrer Giele besonders gefällt.

Im Film fährt die Kamera am Martin-Luther-Ring weiter in Richtung Pfarrhof. Nun ist gut zu erkennen, dass die gesamte Erdgeschosszone von einer bis zu sechs Meter tiefen Gebäude-Auskragung überdacht wird. Die bietet den Passanten Schutz, zieht förmlich in den ruhigen Hof hinein, der auch von der Nonnenmühlgasse auf der anderen Seite des Areals einen öffentlichen Zugang erhält. „Die Leute sollen hier durchlaufen, sich hinsetzen, beim Blick auf das gläserne Kirchenportal oder ins Gemeindezentrum neugierig werden“, sagt Benedikt Schulz. „Mehr Offenheit geht kaum. Das war uns wichtig für die Verortung des Bauwerks in der Stadt.“

Gewagt erscheint bei den Modellen die 20 Meter hohe Porphyrwand am Peterssteinweg. Sie kommt ohne jedes Fenster aus. Doch diese geschlossene Fläche sei wichtig als optischer Gegensatz; um die Offenheit der anderen Bereiche zu unterstreichen. Die Stadt habe gerade zugestimmt, vor der rötlichen Wand bis zu acht Meter hohe Linden zu pflanzen. „Außerdem wird der Stein ganz unterschiedliche Formate haben, eine starke Struktur aufweisen.“ Damit die Fußgänger auf dem künftigen Königsplatz gegenüber erkennen können, dass die Wand zu einer Kirche gehört, soll auf dem Porphyr am Peterssteinweg noch ein Schriftzug „St. Trinitatis“ ins Auge fallen. Allerdings erst am nördlichen Ende der Fläche.

FOTOSTRECKEN

Die erste Trinitatiskirche an der Leipziger Rudolphstraße wurde 1847 im neogotischen Stil fertig gestellt.

Eine Postkarte aus dem Jahr 1910 zum 200. Jubiläum der Leipziger Propsteigemeinde St. Trinitatis.

Am 4. Dezember 1943 wurde die erste Trinitatiskirche durch einen Bombenangriff schwer beschädigt.

Die beschädigte Kirche 1943.

Beim Blick auf die Rückseite ist das Ausmaß der Beschädigung erkennbar.

Die Straßenbahn nach Connewitz fuhr damals direkt an den Trümmern vorbei.

Ein weiterer großer Bombenangriff am 20.2.1944 beschädigte das St. Josephshaus und zerstört das Presbyterium (Altarraum) der Propsteikirche.

Das Innere der Trinitatiskirche Leipzig nach ihrer Zerstörung im Krieg Ende 1944.

Gut zehn Jahre gehörte die zerstörte Kirche zum Stadtbild Leipzigs.

Der Turm stand noch, vom Kirchenschiff blieben einzig die Wände erhalten.

Blick auf das Neue Rathaus durch die Ruine der ersten Trinitatiskirche.

Blick auf die schwer beschädigte Trinitatis-Kirche in der Rudolphstraße.

Arbeiter bringen Sprengladungen an der Ruine an.

November 1954: Vorbereitungen für die erste Sprengung der Trinitatiskirche Leipzig.

Ein letzter Blick auf die Überreste der Trinitatis-Kirche.

Die Ruine des Kirchenschiffes sackt bei der Detonation der Sprengladung zusammen.

Dieses Bild bot sich den Leipzigern nach der ersten Sprengung.

Blick vom Neuen Rathaus aus auf den Turm der Kirche.

Wenige Tage nach der Sprengung des Kirchenschiffes fiel auch der Turm.

Die Standortgenehmigung für einen Neubau wurde Anfang 1955, wenige Wochen nach der Sprengung, von den Behörden wieder zurückgezogen.

Nach den Aufräumarbeiten erinnerte bald nichts mehr an die Trinitatiskirche in der Innenstadt.

Übrig blieb der Schutt nach der Sprengung.

Arbeiter räumen die Überreste des Gebäudes weg.

Nach einer Eingabe durch die Propstei sicherte Walter Ulbricht einen neuen Standort für einen Kirchenneubau zu.

Am 7.4.1955 wurde erneut die Standortgenehmigung für das alte Propsteigrundstück erteilt, diesmal vom Ministerium für Aufbau in Berlin.

Anfang 1957 entzog die Stadt Leipzig diese Erlaubnis wieder.

Der freie Platz musste statt dessen für Losung der SED herhalten.

   


 Dies entspricht der Philosophie von Schulz & Schulz. „Wir wollen keine spektakuläre Kirche bauen, sondern eine, die sich wie selbstverständlich in die Umgebung einfügt. Die ihre Besonderheiten erst allmählich, auf den zweiten oder dritten Schritt, preisgibt“, erläutert Ansgar Schulz. Auf wunderbare Weise könnte das bei dem großen Wunsch der Architekten gelingen, den Kirchenraum komplett energieautark auszustatten. Die im Sommer gewonnene Wärmeenergie von Sonnenkollektoren soll dabei im Erdboden unter dem Gotteshaus bis zum Winter gespeichert werden. Da der Speicher – ein spezielles Sand-Kies-Gemisch – ständig bewässert werden muss, könnte der 50 Meter hohe Glockenturm nicht nur eine Fotovoltaik-Anlage, sondern zugleich die Funktion eines Wasserturms übernehmen. In den dann das Regenwasser hochgepumpt wird. Der Strom für die Pumpen käme ebenfalls aus der Fotovoltaik-Anlage.

Immerhin hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gerade Fördermittel für die entsprechenden Planungen bewilligt. Ansgar Schulz: „Wir wissen noch nicht, ob das wirklich funktioniert. Doch wir sind zuversichtlich, den Kirchenraum zumindest im Grundniveau beheizen zu können, ohne Energie von außen. So etwas gab es noch nie.“ Die historische Rolle von Kirchen als Schutzort bei Katastrophen klingt hier ebenso an wie die moderne Herausforderung, die Schöpfung durch ökologisches Handeln zu bewahren. Bei Schulz & Schulz und ihrem außergewöhnlichen Entwurf natürlich nicht plakativ. Eher hintersinnig, zu bemerken erst auf den zweiten oder dritten Schritt.
 

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