Leipzig. „Wir werden viel zu stark mit Vergangenheit und Tradition verbunden“, sagt Gregor Giele, Pfarrer der katholischen Gemeinde St. Trinitatis. Kirche sei aber zuallererst für die Gegenwart und das Bauen an der Zukunft da. Folgerichtig enthält der Entwurf für die neue Propsteikirche gleich mehrere spannende Experimente. Wie ein 22 Meter breites Fenster direkt am Martin-Luther-Ring und den ersten energieautarken Kirchensaal überhaupt.
Das Leipziger Architekturbüro Schulz & Schulz hat jetzt einen Videofilm erstellt. In dem kurzen Streifen (siehe Sequenz oben) wird besonders deutlich, weshalb sich die Jury in dem internationalen Einladungswettbewerb einstimmig für den Entwurf der beiden Architektenbrüder entschieden hat. „Überzeugend ist die Hinführung aus der Stadt in die Kirche hinein“, hieß es in der Begründung der Jury. „Das wird vor allem bewirkt durch die schützende Auskragung des Chores und den Innenhof als verbindendes Glied zwischen Kirche und Gemeindezentrum. Die Schwelle zwischen Stadt und Kirche ist damit niedrig und könnte eine einladende Wirkung auf Passanten haben.“
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Tatsächlich nimmt die Kamera in dem Film die Perspektive eines Fußgängers ein, fährt vom Neuen Rathaus aus langsam auf die Kirche zu. An der Front zum Martin-Luther-Ring erscheint eine 22 Meter breite, rechteckige Glasfläche. Durch dieses riesige Fenster können die Leipziger eines Tages in den sakralen Innenraum blicken: die Bänke der Gottesdienstbesucher, den Altar, das Kreuz und ein mobiles Lesepult betrachten.
„Die neue Propsteikirche soll sich wie selbstverständlich in den Organismus der Stadt einfügen“, erklärt Benedikt Schulz. „Ich kenne sonst keine Kirche, wo sich Passanten mit ihren Kindern einfach so die Nase an der Scheibe platt drücken können. Zumindest keine katholische.“ Zwar verfüge die (evangelisch-lutherische) Erlöserkirche in Thonberg auch über große Glasflächen. Doch dieser, 2006 geweihte Bau ist weit ins Grundstück eingerückt, steht nicht an der Straße. Anders die Propsteikirche. Ihre Besucher werden auf Leipzigs City-Ring hinausschauen können, umgekehrt von einzelnen Autofahrern beobachtet werden, wenn die vor dem Leuschnerplatz auf eine grüne Ampel warten.
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Natürlich braucht ein sakraler Raum auch oft eine gewisse Abgeschiedenheit. Zum Beispiel bei den Gottesdiensten. „Wir reden jetzt darüber, ob die Glasfläche wandelbar sein muss. Doch nicht durch banale Vorhänge“, ergänzt Ansgar Schulz. „Hermetische Offenheit“ nennen die Architekten diesen schwierig auszubalancierenden Spagat. Für die Gestaltung des Fensters will die Gemeinde extra einen künstlerischen Wettbewerb mit internationaler Beteiligung ausloben. Auch Medienkunst könnte dabei zum Zuge kommen. Zudem soll es noch einen Wettbewerb für die liturgischen Gegenstände geben. Und eventuell für das neun Meter hohe Kreuz an der Wand hinter dem Altar. Ein Kreuz in denselben Abmessungen wird sich übrigens an der Rückseite des Kirchensaales wiederfinden – dort jedoch als Glasfenster, wie herausgestanzt, durch das Tageslicht in den Innenraum scheint. „Das Licht kommt vom Kreuz.“ Eine Idee, die auch Pfarrer Giele besonders gefällt.
Im Film fährt die Kamera am Martin-Luther-Ring weiter in Richtung Pfarrhof. Nun ist gut zu erkennen, dass die gesamte Erdgeschosszone von einer bis zu sechs Meter tiefen Gebäude-Auskragung überdacht wird. Die bietet den Passanten Schutz, zieht förmlich in den ruhigen Hof hinein, der auch von der Nonnenmühlgasse auf der anderen Seite des Areals einen öffentlichen Zugang erhält. „Die Leute sollen hier durchlaufen, sich hinsetzen, beim Blick auf das gläserne Kirchenportal oder ins Gemeindezentrum neugierig werden“, sagt Benedikt Schulz. „Mehr Offenheit geht kaum. Das war uns wichtig für die Verortung des Bauwerks in der Stadt.“
Gewagt erscheint bei den Modellen die 20 Meter hohe Porphyrwand am Peterssteinweg. Sie kommt ohne jedes Fenster aus. Doch diese geschlossene Fläche sei wichtig als optischer Gegensatz; um die Offenheit der anderen Bereiche zu unterstreichen. Die Stadt habe gerade zugestimmt, vor der rötlichen Wand bis zu acht Meter hohe Linden zu pflanzen. „Außerdem wird der Stein ganz unterschiedliche Formate haben, eine starke Struktur aufweisen.“ Damit die Fußgänger auf dem künftigen Königsplatz gegenüber erkennen können, dass die Wand zu einer Kirche gehört, soll auf dem Porphyr am Peterssteinweg noch ein Schriftzug „St. Trinitatis“ ins Auge fallen. Allerdings erst am nördlichen Ende der Fläche.
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Dies entspricht der Philosophie von Schulz & Schulz. „Wir wollen keine spektakuläre Kirche bauen, sondern eine, die sich wie selbstverständlich in die Umgebung einfügt. Die ihre Besonderheiten erst allmählich, auf den zweiten oder dritten Schritt, preisgibt“, erläutert Ansgar Schulz. Auf wunderbare Weise könnte das bei dem großen Wunsch der Architekten gelingen, den Kirchenraum komplett energieautark auszustatten. Die im Sommer gewonnene Wärmeenergie von Sonnenkollektoren soll dabei im Erdboden unter dem Gotteshaus bis zum Winter gespeichert werden. Da der Speicher – ein spezielles Sand-Kies-Gemisch – ständig bewässert werden muss, könnte der 50 Meter hohe Glockenturm nicht nur eine Fotovoltaik-Anlage, sondern zugleich die Funktion eines Wasserturms übernehmen. In den dann das Regenwasser hochgepumpt wird. Der Strom für die Pumpen käme ebenfalls aus der Fotovoltaik-Anlage.
Immerhin hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gerade Fördermittel für die entsprechenden Planungen bewilligt. Ansgar Schulz: „Wir wissen noch nicht, ob das wirklich funktioniert. Doch wir sind zuversichtlich, den Kirchenraum zumindest im Grundniveau beheizen zu können, ohne Energie von außen. So etwas gab es noch nie.“ Die historische Rolle von Kirchen als Schutzort bei Katastrophen klingt hier ebenso an wie die moderne Herausforderung, die Schöpfung durch ökologisches Handeln zu bewahren. Bei Schulz & Schulz und ihrem außergewöhnlichen Entwurf natürlich nicht plakativ. Eher hintersinnig, zu bemerken erst auf den zweiten oder dritten Schritt.